Bin ich ein Hochstapler?

Gehöre ich hier wirklich hin? – oder das „Hochstapler-Syndrom“

Das Studium als Erste/r in der Familie bringt viele Sorgen mit sich: Erfülle ich überhaupt die Voraussetzungen das Fach zu studieren, das mich interessiert? Wie bekomme ich einen Studienplatz? Kann ich mir das leisten? Bin ich dann am Ende doch nur „Taxifahrer mit Hochschulabschluss“? Mache ich das hier richtig oder haben alle anderen Informationen, die mir fehlen? Die Liste von Dingen, die einen als Erst-Generations-Student beschäftigen, kann man noch lange weiter führen.
Aber irgendwie schafft man es, vielleicht sogar mit der Hilfe von ArbeiterKind.de. Dann kommt der Berufseinstieg, auch nicht so einfach. Wo will ich mit meinem Studienabschluss hin und wie mache ich das? Wie schreibe ich eine gute Bewerbung und worauf muss ich beim Bewerbungsgespräch achten? Jede Phase bringt ihre eigenen Herausforderungen mit sich und mit Motivation und eventuell ein wenig Hilfe kann man meiner Meinung nach alles schaffen.

Das Schwierigste sind aber manchmal die Hürden in einem selbst. Seit über einem Jahr bin ich mit meinem Studium fertig, ich habe einen Job in meinem Wunschbereich und vom Feedback scheine ich es soweit ganz gut zu machen. Alleine die Formulierung. Ich kann mich nicht überwinden, es anders zu schreiben. Zu sagen „Ich mache meinen Job gut“ fühlt sich einfach nicht richtig an.
Was ist mein Problem? Ich habe mich durch viele Jahre Studium gekämpft und ein Zeugnis als Beweis, trotzdem fühle ich mich nicht so, als würde ich hierhin gehören. Alleine bin ich damit nicht, es betrifft viele Menschen, das „Hochstapler-Syndrom“. „Trotz offensichtlicher Beweise für ihre Fähigkeiten sind Betroffene davon überzeugt, dass sie sich ihren Erfolg erschlichen und diesen nicht verdient haben.“¹
Es hat mich im Studium schon immer wieder heimgesucht, dieses Syndrom. Gedanken, ich würde mich „blöd“ anstellen, ich könnte auffallen, weil ich etwas nicht weiß oder falsch mache, haben mich immer wieder beschäftigt. Mit der Zeit wurde es besser, ich bekam das Gefühl, ich habe einigermaßen durchschaut wie die Universität und das Studium funktionieren. Folgerichtig hat der bevorstehende Studienabschluss mir Angst gemacht, obwohl ich froh war, endlich zum Abschluss zu kommen, etwas in der Hand zu haben. Mancher Themen oder Fächern ist man irgendwann überdrüssig und nur noch froh das Thema für immer abzuschließen. Aber beim Bewerben könnte auffallen, was ich alles nicht kann, dachte ich. Andere sind viel besser geeignet und ich werde nichts in dem Bereich finden, in den ich gerne möchte. Als ich dann Wider meiner Erwartungen eine viel zu gut klingende Stelle bekommen habe, rechnete ich während der Probezeit stets damit, dass ich mir morgen etwas neues suchen muss. Zu Fortbildungen habe ich mich zuerst nicht getraut, weil unterbewusst immer der Gedanke dabei war „ich gehöre nicht wirklich dazu“.

So viele Beweise und immer noch fühle ich mich immer wieder fehl am Platz. Warum schreibe ich jetzt darüber? Weil es wichtig ist, dass wir darüber reden. Ich weiß nicht, ob das „Hochstapler-Syndrom“ uns Arbeiterkinder besonders oft betrifft, aber wie auch schon im Studium möchte ich andere wissen lassen: Es gibt Menschen, denen geht es genauso. Nur weil man plötzlich dieses Stück Papier in der Hand hat, ist nicht alles überwunden. Man kann einen Studienabschluss haben, aber das Gefühl muss dem Papier nicht sofort folgen – und das ist auch in Ordnung. Das Leben ist voller Herausforderungen und nachdem man so viele gemeistert hat, wird man auch diese schaffen. Es ist okay, dass es dauert und es ist okay, auch mal zuzugeben, dass man sich fehl am Platz fühlt. So hilft man anderen und am Ende vielleicht auch sich selbst, festzustellen, dass man nie ein Hochstapler war. Irgendwann kann ich dann auch sagen „Ich bin gut in meinem Job“, so wie ich auch irgendwann sagen konnte „An der Uni kenn ich mich aus“.

 

Ein Blogeintrag von Christin. Solltet Ihr Fragen oder Anregungen haben, zögert nicht zu schreiben!