Dinge, die man vor dem Medizinstudium vergessen sollte

Seit bald 5 Jahren bin ich bei ArbeiterKind.de und studiere noch länger Medizin*. In dieser Zeit habe ich vielen (angehenden) Medizinern geholfen, sei es nur kurz eine Frage zur Bewerbung oder lange Telefonate, Treffen, Emails über lange Zeiträume. Bestimmte Themen tauchen immer wieder auf und die möchte ich an dieser Stelle ansprechen.

 

„Ich kann nur mit 1,0 Abitur Medizin studieren“ Das ist so einfach NICHT richtig! In den 20% der Abiturbestenquote mag das stimmen, aber die meisten Studienplätze(60%) werden über das Auswahlverfahren der Hochschulen(AdH) vergeben und da sieht es 1. notenmäßig anders aus und 2. zählen da auch andere Dinge(Medizinertest, Abiturfächer, Auswahlgespräch etc etc etc). Die Bewerbung zum Medizinstudium ist kompliziert, aber viele, die noch nie damit zu tun hatten, meinen etwas darüber sagen zu müssen. Wenn man als Schüler dann bei zB ArbeiterKind.de landet, ist das okay, wir klären auf und helfen – aber viele schreiben den Gedanken komplett ab oder zahlen Geld, das sie gar nicht haben, für überteuerte Seminare, die Altbekanntes verpacken als wäre es DIE großartige Neuigkeit, die sonst noch keiner weiß. Das ist einfach schade und besonders schlimm, da so früh schon falsche Signale gesetzt werden.

 

„Ich muss aber unbedingt zu Uni XY, woanders brauche ich gar nicht anzufangen, weil […]“ Man macht an jeder Uni Staatsexamen in Medizin, dh. die Prüfung und der Abschluss sind gleich, egal, wo ich studiert habe. Für die Examina muss man so oder so noch einmal lernen, unabhängig von dem, was vorher an der Uni gelehrt wurde. Es ist sicher schön, wenn man weniger Leute im Semester hat, aber es ist auch nicht unbedingt schlimm, wenn man zu hunderten da sitzt – wie gut oder schlecht mein Studium wird, habe ich selbst in der Hand. Jede Uni hat Vor- und Nachteile. Ob es schlechter oder besser als woanders ist, kann ich selbst (genau wie jeder andere Student) nicht beurteilen, da ich nur hier studiere. Selbst wenn man nach dem 1. Staatsexamen die Uni wechselt, kann man die Unis nicht wirklich miteinander vergleichen, da die Studienabschnitte so grundverschieden sind. Zu guter Letzt: Wenn einem die Uni, wo man angefangen hat, doch, aus welchen Gründen auch immer, gar nicht gefällt, kann man relativ leicht nach dem 1. Staatsexamen(„Physikum“) wechseln. Man ist also nicht „ewig gebunden“ 😉

 

„Ich hatte keinen Bio/Chemie/Physik-LK/Kurs in der Oberstufe“ Ich sage dann oft „Wenn ich das geschafft habe, könnt ihr das auch – immerhin hatte ich Englisch und Deutsch LK und Philosophie als 4. Abifach“. Ich weiß nicht genau, woher das kommt, aber Schüler/innen haben eine unglaubliche Angst wegen dieser Basisfächer zu scheitern. Und das obwohl diese nur in den ersten Semestern vorkommen und eher wenig mit dem Schulfach zu tun haben. Ich weiß noch, wie aufgelöst ich in der 11. Klasse wegen einer schlechten Note in der Biologie-Klausur war. Ich dachte, ich könne meinen Wunsch, Medizin zu studieren, an den Nagel hängen. Fortan habe ich für kein Fach so viel gelernt wie für Bio – um angekommen an der Uni zu merken, dass wir die relevanten Themen aus der Oberstufe in einer Woche abgefrühstückt hatten. Von den Leuten, die wirklich Bio/Chemie/Physik-LK hatten, habe ich ähnliches gehört. Da hat es vielleicht 3 Wochen gedauert, bis die auch nicht mehr von ihrem „Vorsprung-Wissen“ profitiert haben. Unabhängig von Fächern und Leistungskursen muss jeder im ersten Semester anders und viel lernen. Kurz: Man geht an die Uni, um etwas zu lernen, nicht weil man schon alles vorher weiß.

 

„Ich kann kein Mathe/Latein“ Wie gut, dass man beides im Medizinstudium nur rudimentär braucht. Alles, was der Mediziner über Latein und Griechisch wissen muss, bekommt er meist im ersten Semester im Fach „Terminologie“ vermittelt. Das gehört an so gut wie jeder Uni zu den einfachsten Fächern des ganzen Studiums. Da Medizin „nicht so richtig“ eine Naturwissenschaft ist, braucht man auch nur wenig Mathe. Mit Dreisatz und Taschenrechner kommt man häufig relativ gut durch die wenigen Fächer, die mathematische Fähigkeiten benötigen. Auch hier: Man lernt die nötigen Dinge an der Uni, kein Grund, alles vorher zu wissen.

 

„Wenn ich Medizin studiere, habe ich gar keine Freizeit mehr“ Ich glaube allein durch das schreiben dieses überlangen Textes beweise ich, dass das nicht stimmt und man durchaus Freizeit haben kann. Es gibt immer Leute, die sich besser fühlen wenn sie allen erzählen, wie unglaublich viel sie lernen und dass sie gar keine Zeit für anderes haben. Bei manchen Leuten mag das die Wahrheit sein, andere flunkern die ein oder andere Stunde Lernzeit hinzu in der sie eigentlich auf Facebook rumgehangen haben. Gut für mich, dass ich vor dem Studium nicht im Entferntesten jemanden kannte, der Medizin studiert, aber in den ersten Semestern habe ich viele dieser Geschichten gehört. Für mich gilt: Der Vergleich mit anderen ist der Tod meines Selbstwertgefühls. Ich habe mir viele Dinge „nicht erlaubt“, hab mich schon schlecht gefühlt, weil ich mal ins Kino gegangen bin, weil ich dachte „Ich muss jetzt auch lernen“. Das mag jeder anders handhaben, aber ich habe (abgesehen von der Klausurenphase 😉 ) wirklich genug Freizeit und alle meine Mediziner-Freunde auch.

 

„Ich kann nicht auswendig lernen“ Ich auch nicht und trotzdem ist mein Abschluss nicht mehr allzu weit weg.* Es hat mich VIEL zu viel Zeit gekostet, ein paar „Weisheiten“ über das Lernen rauszufinden. Ich möchte sie hier mit euch teilen, bevor ihr überhaupt auf falsche Gedanken kommen könnt.

  1. Im (Medizin-)Studium muss man Lernen neu lernen: Alles ist anders, die Fächer, die Lehrweise, die Klausuren. Es ist definitiv anders als Schule und mit der Art und Weise mit der man in der Schule gelernt hat, kommt man an der Uni vielleicht nicht so weit.
  2. Jeder hat seinen eigenen Lernstil und das ist okay so: Ich bin kein Morgenmensch und lerne besser im Nachmittag/Abendbereich, ich habe Freunde, bei denen ist es genau umgekehrt. Manche Leute setzen sich in die Vorlesung, hören zu und haben es drauf. Andere arbeiten alles vor und nach. Manche gehen gar nicht in die Vorlesungen und erarbeiten sich die klausurrelevanten Dinge lieber von vornherein selbst. Jeder macht es anders und keine Variante ist „die eine Richtige“
  3. Pausen sind wichtig. Ohne Pausen kann man Gelerntes nicht sinnvoll „verarbeiten“ – keiner kann 10 Stunden am Stück, ohne Unterbrechung lernen und am Ende noch wissen, was er gemacht hat. Pausen sind notwendig um effektiv zu lernen und nichts, weswegen man sich schlecht fühlen muss.

 

„Ich will nicht warten, dann bin ich zu alt, wenn ich endlich den Studienabschluss habe“ Die Entscheidung liegt schlussendlich immer bei einem selbst – man muss abwägen, wie wichtig es einem ist, dass es das Medizinstudium sein muss oder ob man mit etwas anderem auch glücklich wird. Das Alter mag einem frisch nach dem Abi unglaublich wichtig vorkommen, aber das ist es nicht. Viele Leute fangen das Medizinstudium nach Wartezeit an, sehr viele brauchen länger als die Regelstudienzeit. Das ist alles absolut egal. Einen Job bekommt man sowieso und arbeiten werden wir alle noch lange genug bis zur Rente. Fernab davon ist eine bisschen mehr persönliche Reife im Umgang mit den Patienten und Kollegen nur positiv. Kurz: Alter mag einem selbst unglaublich wichtig vorkommen, insbesondere direkt nach dem Abi, insbesondere mit dem Gefühl „Das Medizinstudium ist doch schon ach so lang“, aber in der Realität, ist es das nicht.

„Kann ICH das überhaupt schaffen? Ist Medizin nicht eins der schwersten Fächer?“ Jeder, der die richtige Motivation und Abitur mitbringt, kann es schaffen. Viele Leute stellen das Medizinstudium sehr abschreckend, schlimm, elitär da. Das tun sie zum Beispiel, weil sie es nur von außen kennen und keine Ahnung haben oder weil sie Mediziner sind und denken, man muss „unter sich bleiben“. Man kann es absolut schaffen und wenn man es wirklich will, sollte man es auch versuchen. Das Medizinstudium ist nicht schwerer oder leichter als andere Studienfächer – jedes Studienfach ist schwer, wenn es nicht zu mir passt, wenn ich es nur studiere um schnelles Geld zu machen, irgendwen zu beeindrucken… Jedes Studienfach bringt gewisse Herausforderungen mit, die genau das sind – Herausforderungen. Keine unbezwingbaren Giganten.

 

Das Studium ist nicht einfach und das erste Semester ist schrecklich vollgepackt mit neuen Informationen und Erfahrungen. Manchmal ist es vielleicht sogar etwas überfordernd. Aber das gilt für jedes Studienfach, weil Hochschule anders ist als Schule und es gibt die unterschiedlichsten Methoden sich einzugewöhnen. Manche Leute gewöhnen sich sehr schnell, manche langsamer, aber am Ende gewöhnt der Mensch sich an alles. Wenn ihr denkt, dass ein Studienfach genau das richtige für euch ist, gibt es erstmal keinen Grund anzunehmen, dass es nicht klappen könnte. Auch Medizin.

 

Das ist mal ein etwas anderer Blogeintrag als sonst, aber das ist etwas das mir, Christin, schon lange auf der Seele brennt, weswegen ich das gerne an dieser Stelle loswerden möchte. Solltet Ihr Fragen oder Anregungen zu meinem kurzem Abriss haben, zögert nicht mir zu schreiben!

*Das Studium habe ich mittlerweile abgeschlossen, der Inhalt des Artikels ist aber genauso relevant wie schon 2014